Der Wert der Medizin

Wer medizinische Leistungen in Anspruch nimmt, zieht daraus einen hohen persönlichen Nutzen. Und auch die Volkswirtschaft profitiert.

 

Im letzten Jahr sorgte der Luzerner SVP-Kantonsrat und Arzt Beat Meister für erhebliches Aufsehen. «Für die Implantation von künstlichen Prothesen (Augenlinsen, Gelenke, Herzschrittmacher und dergleichen) bei über 90-Jährigen soll der Kanton keine Beiträge mehr leisten», forderte er mit seinem Vorstoss im Kantonsparlament. Eine solche Medizin könnten wir uns nicht mehr leisten, lautete seine Begründung. Der Staat könne nicht bis ans Lebensende alles bieten und müsse bewusst bestimmte Leistungen streichen, um die Kosten im Bereich Gesundheit in den Griff zu bekommen.


Der rüstige Rentner
Dass die Schweizer Bevölkerung auf medizinische Leistungen verzichten muss, um Kosten zu senken, ist ein oft gehörtes Argument. Es erscheint im ersten Augenblick einleuchtend – aber ist das wirklich so? Nehmen wir das Beispiel von Herrn Herbst und wechseln wir die Perspektive: Der 92-jährige Herr Herbst lebt alleine in seinem zweistöckigen Haus. Einen Lift gibt es nicht. Obwohl ihn sein Knie zuweilen schmerzt, besorgt er den Haushalt und pflegt den Garten. Doch die Schmerzen werden immer schlimmer; bis er kaum mehr gehen und das Haus nicht mehr verlassen kann. Der ärztliche Befund zeigt eine fortgeschrittene Arthrose; eine Operation ist angezeigt.

 

Besser daheim, als im Heim
Nach dem Einsetzen einer Knieprothese kann Herr Herbst weiterhin selbständig und schmerzfrei seinen Alltag bewältigen. Der Eingriff hat positive Auswirkungen auf seine körperliche und psychische Gesundheit. Das heisst, er hat für ihn einen hohen individuellen Nutzen. Auch volkswirtschaftlich gesehen ist er sehr effektiv. Ohne die Operation wäre der Pflegebedarf von Herrn Herbst massiv angestiegen. Er hätte seinen Haushalt im zweistöckigen Eigenheim nicht mehr selber bewerkstelligen können, wäre vermutlich bald in einem Pflegeheim untergebracht worden. Die Kosten hierfür hätten nach kurzer Dauer die Kosten für den Eingriff inklusive Reha-Aufenthalt überstiegen. Bei einem 92-jährigen Patienten «lohnen» sich die Behandlungskosten im ökonomischen Sinne, sobald damit der Pflegeheimeintritt um ein halbes Jahr verzögert werden kann.

 

Jetzt bezahlen, später sparen
Am Beispiel von Herrn Herbst wird deutlich, dass pauschale Lösungsansätze zur Kostenminderung nicht effektiv sind. Dass solche Argumentationen dennoch Nährboden finden, liegt insbesondere daran, dass in den Debatten der Fokus stets auf die Kosten gerichtet bleibt. Während der Kostenzuwachs klar bezifferbar ist, bleibt der Nutzenzuwachs meist wenig greifbar. Es existieren keine Statistiken über den volkswirtschaftlichen Nutzen medizinischer Behandlungen.

 

Wenn die Patientenversorgung schon durch die ökonomische Brille betrachtet wird, dann darf der Nutzenzuwachs, der den Behandlungskosten gegenübersteht, nicht ausgeblendet werden. Die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit oder Berufsunfähigkeit generiert einen beachtlichen ökonomischen Mehrwehrt. Ein weiteres Beispiel: Als Neugeborene war Frau Sommer auf beiden Ohren hochgradig schwerhörig. Sie erhielt im Alter von zwei Jahren ein Cochlea-Implantat. So konnte sie den Rückstand in der Sprachentwicklung aufholen, durchlief später die normale Schulbildung und schloss erfolgreich eine Lehre ab. Heute ist die junge Frau Sommer integriert im beruflichen und sozialen Leben. Das Implantat kostete 50’000 Franken. Ohne Implantat wären die Kosten um ein Mehrfaches höher ausgefallen. Mit dem Eingriff konnten Sonder- und Umschulungen sowie Renten und andere Unterstützungsleistungen eingespart werden.

 

Gratisdienst für die Familie – und für die Volkswirtschaft! Fitte und gesunde Grosseltern leisten laut Bundesamt für Statistik in der Schweiz rund 160 Millionen Stunden Betreuungsaufwand pro Jahr (2016). (Bild: iStockphoto)

 

Vorsicht vor voreiligen Schlüssen
Dass im heutigen System Ineffizienzen und Fehlanreize bestehen, ist unbestritten. Die Ärzteschaft bleibt nicht untätig. Sie hat beispielsweise die Initiative «Smarter Medicine» lanciert, die der Fehl- und Überversorgung Einhalt gebieten soll (cf. Politik+Patient 2/2018: «Im Kampf gegen die Überversorgung»). Ihr Ziel ist es, die Diskussion zwischen Ärzteschaft, Patienten und der Öffentlichkeit zu fördern und kluge Entscheidungen herbeizuführen. Im Kern steht dieselbe Frage wie bei Beat Meisters Vorstoss: Was soll in der Schweiz medizinisch alles ermöglicht werden? Ihr Lösungsansatz ist jedoch kein Schnellschluss, wie der vom Luzerner Kantonsrat. Pauschalisierungen, wie sie Meister fordert, sind diskriminierend und wenig zielführend. Denn Heilung oder Linderung bedeutet nicht für jeden Patienten dasselbe. Jeder Fall ist einzigartig und braucht eine jeweils angepasste, individuelle Behandlung.

 

Aufatmen für die Alten
Dank dem medizinischen Fortschritt sind – das zeigen die oben aufgeführten Beispiele – frühere Diagnosen und bessere Behandlungen möglich. Das führt zu mehr Lebensqualität bei den Betroffenen und hat einen effektiven ökonomischen Nutzen. Gesundheitsausgaben sind eine Investition, die rentieren. Vielleicht nicht heute und morgen, aber über ein Leben gesehen. Dass mit Rationierung die Kosten im Gesundheitswesen gedämpft werden könnten, das ist eine voreilige Schlussfolgerung. Es braucht langfristige und nachhaltige Lösungen. Eine umsichtige Perspektive ist gefragt. Auch Beat Meister hat mittlerweile gemerkt, dass Pauschalisierungen nicht zielführend sind. Er hat seinen Vorstoss zurückgezogen. Dennoch zeigt sich: Der Nährboden für radikale Lösungen ist gesät. Weitere Extremforderungen werden folgen.

 

 

Politik+Patient 4/18