Die ärztliche Kur für das Gesundheitswesen

In immer kürzeren Abständen präsentieren Politiker und Ökonomen Vorschläge, um den Kostenanstieg im Gesundheitswesen zu dämpfen. Auch die Ärzte bringen sich in die Diskussion ein. Statt Sparübungen auf Kosten der Patienten durchzudrücken, plädieren sie für mehr Effizienz.

 

Umbau statt Abriss: Um den Kostenanstieg zu dämpfen, müssen gewisse Aspekte des Gesundheitssystems neu organisiert werden. (Bild: Keystone)

 

 

 

Die wachsenden Ausgaben im Schweizer Gesundheitswesen belasten sowohl die privaten Haushalte als auch die Budgets der Kantone. Die Ärzte sind sich dessen bewusst. Sie betonen aber, dass kostendämpfende Massnahmen weder die allgemeine Zugänglichkeit noch die Qualität der Gesundheitsversorgung verschlechtern dürfen. Dies kann erreicht werden, indem die eingesetzten Ressourcen effizienter verwendet werden. Folgende Massnahmen sind ohne Qualitätseinbussen umzusetzen:

 

1. Überregionale Spitalregionen
Der Föderalismus der Schweiz hat sich in vielen Bereichen bewährt. 26 Gesundheitssysteme sind aber für ein kleines Land mit rund acht Millionen Einwohnern zu viel des Guten. Effizienter wäre es vielleicht, die Schweiz in fünf bis sieben überkantonale Spitalregionen einzuteilen. So könnte man Überkapazitäten abbauen und Doppelspurigkeiten grösstenteils vermeiden. Gleichzeitig würde die bereits hohe Qualität der Gesundheitsversorgung gestärkt, weil in den verbleibenden Spitälern mehr Patienten behandelt werden und die Gesundheitsfachleute entsprechend mehr Routine sammeln könnten.


2. Entflechtung der Mehrfachrolle
der Kantone

Kantone sind im aktuellen System die Planer und Eigentümer von Spitälern. Gleichzeitig sind sie Auftrag- geber und Finanzierer von Leistungen. Und schliesslich treten sie auch als Regulatoren der Spitallisten und Tarife auf. Diese Mehrfachrolle der Kantone führt zwangsläufig zu Interessenkonflikten, Ineffizienz und Wettbewerbsverzerrungen. Um diese Situation zu entschärfen, müssten die Kantone zumindest ihre Rolle als Eigentümer der Spitäler aufgeben.


3. Erweiterung der reinen Kostenperspektive im KVG

In seiner heutigen Form berücksichtigt das Kranken- versicherungsgesetz (KVG) nur die direkten Heilungskosten. Für die Finanzierung von Arbeitsausfällen und Renten sind andere Stellen zuständig. Würde man diese künstliche Trennung aufheben und auch den Nutzen von Behandlungen in die Rechnung einbeziehen, zeigte sich bezüglich Gesamtkosten ein komplett anderes Bild. So würde es sich lohnen in eine Behandlung zu investieren, wenn der Patient dadurch wieder arbeitsfähig wird. Von diesem Systemwechsel profitierten nicht nur die Patienten, sondern letztlich die ganze Volkswirtschaft.

 

4. Gleichartige Finanzierung
der Leistungen

Die gleichartige Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen wurde schon vor längerer Zeit als Lösung für das Problem der steigenden Gesundheitskosten identifiziert. Mit der Verlagerung von heute stationär erbrachten Leistungen in den ambulanten Bereich liesse sich laut FMH jedes Jahr eine Milliarde Franken sparen. Um einen Kostenschub bei den Krankenkassenprämien zu vermeiden, wäre ein einheitliches Finanzierungsmodell aber Voraussetzung.
 Im heutigen System haben die Krankenkassen keinen Anreiz, den Grundsatz «ambulant vor stationär» umzusetzen. Sie würden dadurch nur die eigenen Prämien in die Höhe treiben.


Mit der gleichartigen Finanzierung liessen sich auch die Vorteile und Synergien eines integrierten Versorgungsmodells voll ausschöpfen. Dabei vernetzen sich die Vertreter der verschiedenen Fachdisziplinen und Sektoren (Hausärzte, Fachärzte, Krankenhäuser). Studien zeigen, dass der Spareffekt besonders gross wäre bei den nicht übertragbaren Krankheiten (z.B. Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen), die rund vier Fünftel der gesamten Behandlungskosten in der Schweiz verursachen.

 

5. Smarter Medicine
Qualität in der medizinischen Versorgung schliesst kostendämpfende Massnahmen nicht aus. Das zeigt die Initiative «Smarter Medicine», die auf das Thema der Fehl- und Überversorgung aufmerksam macht. Heute ist vieles machbar, aber nicht alles davon ist sinnvoll. Weniger Behandlungen können für den Patienten sogar entlastend sein. Patienten und Ärzte sollten Entscheidungen vermehrt gemeinsam fällen, wobei die Frage nach der im konkreten Fall sinnvollen Behandlung im Zentrum steht. Dazu braucht es aber ein starkes Netzwerk von Ärzten und anderen Gesundheitsfachpersonen – und einen echten Dialog auf Augenhöhe mit den Patienten.

 

6. Steigerung der Gesundheitskompetenz
Wenn die Bevölkerung besser über Gesundheitsthemen Bescheid weiss, wird dies das Kostenwachstum dämpfen. Patienten sind oft zu wenig informiert über den Nutzen und die Risiken ihrer Therapie. Auch kursieren im Internet viele Falsch- oder teilweise gar gezielte Fehlinformationen über medizinische Themen. Nur wer alle möglichen Komplikationen oder Nebenwirkungen kennt, kann mitentscheiden, ob er eine Behandlung wirklich wünscht. Es ist Aufgabe des Arztes, umfassend zu informieren und auch von einer Behandlung abzuraten, wenn ihr Nutzen beschränkt ist.

 

7. Reduktion von administrativen Arbeiten
Ärzte und Pflegepersonal könnten effizienter arbeiten, wenn die administrativen Arbeiten reduziert werden. Ein Arzt in der Schweiz beschäftigt sich heute während einem Drittel seiner Arbeitszeit mit administrativen Aufgaben. Und der Anteil steigt weiter an. Auch im ambulanten Bereich klagen Ärzte über die zunehmende administrative Belastung. Damit geht nicht nur Arbeitszeit verloren, die dann bei der Arbeit am Patienten fehlt, sondern es werden an anderen Stellen, etwa in der Verwaltung oder bei Versicherungen, zusätzliche Kosten generiert. Der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO) hat deswegen die Kampagne «Mehr Medizin statt Bürokratie! Ein Drittel der Arbeitszeit für Patienten ist zu wenig» lanciert. Doch in der Politik ist dieses beträchtliche Sparpotenzial bisher kaum zur Sprache gekommen.

 

 

Politik+Patient 4/18