Wenn die Arbeit krankt

Burnouts bedeuten für die Betroffenen viel Leid. Gleichzeitig belasten sie die Wirtschaft und das Gesundheitssystem. Vorbeugende Massnahmen müssen dort ansetzen, wo der Stress oft zu viel wird – bei der Arbeit.

 

 

Immer mehr Menschen bleiben wegen eines Burnouts der Arbeit fern. Vorbeugend besonders viel unternehmen kann der Arbeitgeber – und das ist ganz in seinem Interesse. (Bild: unsplash.com)

 

Emotional ist man am Ende. Man fühlt sich über längere Zeit erschöpft und ineffizient bei der Arbeit, wird zynisch im Umgang mit anderen. Ist das nun eine Krankheit? Eine Modeerscheinung unserer Zeit? Ein ernstzunehmender Hilfeschrei? Das Thema Burnout ist in aller Munde. Das treibt teils sonderbare Blüten. Orell Füsslis Onlineshop liefert nicht weniger als 849 Treffer für Bücher und 627 eBooks zum Stichwort, zweifelhafte Therapieangebote schiessen wie Pilze aus dem Boden.


Burnouts kosten Milliarden
Das trägt nicht dazu bei, das Phänomen fassbarer zu machen. Fachpersonen bezeichnen Burnout als «Syndrom». Es ist keine Krankheit, sondern eine Begleiterscheinung anderer Erkrankungen. In einer frühen Phase fallen die Betroffenen positiv auf: Sie sind enorm leistungsfähig und leistungsbereit, vital, strahlen ein gesundes Selbstbewusstsein aus. Auch sie selbst erkennen dies nicht als warnendes Anzeichen. Umgangssprachlich auch «Manager-Krankheit» genannt, betreffen Burnouts vor allem leistungsorientierte Menschen. Wenn der Stress zu gross wird, zu lange andauert und sich Freizeit nicht mehr erholsam anfühlt, steigt die Gefahr, emotional auszubrennen. Fakt ist: Jeder vierte Arbeitnehmer fühlt sich immer oder meistens gestresst bei der Arbeit. Stress ist in 30-50% der Fälle mitverantwortlich, wenn Menschen der Arbeit fernbleiben. Wenn sie erst  arbeitsunfähig sind, droht ein Teufelskreis. Je länger jemand nicht arbeitet, desto eher ist er gefährdet, eine Invalidenrente zu beziehen. Nach sechs Monaten steigt das IV-Risiko schon auf über 50%. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet, dass ein Burnout-Betroffener durchschnittlich 30,4 Tage im Jahr am Arbeitsplatz fehlt. 2016 schätzte man, dass der Schweizer Wirtschaft deswegen 5,7 Milliarden Franken abhanden kamen. Die heutige Leistungsgesellschaft verschlimmert das Problem. Das ist auch der Politik nicht verborgen geblieben.

 

Wie viel Staatshand braucht Prävention?
Prävention ist einer der Schlüssel zur erfolgreichen Burnout-Bekämpfung. Wer lernt, mit Stress umzugehen, sich Sorge zu tragen und auf seinen Körper zu hören, erkrankt im besten Fall gar nicht erst. Aber braucht es hier die helfende Hand vom Staat? Das Bundesamt für Gesundheit jedenfalls hat es sich mit dem sperrig klingenden Gebilde «Massnahmenplan zur Nationalen Strategie Prävention nicht übertragbarer Krankheiten 2017-2024», kurz NCD-Strategie, auf die Fahne geschrieben. Bei den nichtübertragbaren Krankheiten geht es vordergründig zwar um Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Atemwegsprobleme. Aber auch Suchterkrankungen und psychische Krankheiten will der Bund präventiv angehen. Was dabei oft vergessen geht: Ärztinnen und Ärzte leisten seit Jahrzehnten erfolgreich Präventionsarbeit. Im Gespräch fragen sie Patientinnen und Patienten nach ihren Gewohnheiten, ob sie sich vermehrt gestresst fühlen. Sie sprechen Empfehlungen aus, sensibilisieren Patienten, motivieren und begleiten sie dabei, ein ungesundes Verhalten zu ändern. Das fördert die individuelle Gesundheitskompetenz und bringt mehr als der mahnende Zeigefinger. Wie viele Millionen Franken durch diese Massnahmen eingespart werden, schlägt sich nicht in gängigen Statistiken nieder. Das hängt damit zusammen, dass Ärztinnen und Ärzte für diese Arbeit nach wie vor nicht speziell entschädigt werden. Das Krankenversicherungsgesetz sieht diese Leistung explizit nicht vor.

 

Arbeitgeber in der Pflicht
Auch die beste Kommunikation zwischen Arzt und Patient greift in der Kette der Ereignisse relativ spät ein. Es braucht deshalb zwingend ein Gesundheitsmanagement am Arbeitsplatz. In der Stress-Studie des Bundes 2010 wurden Arbeitnehmende gefragt, was sie besonders belastet. Erstaunlicherweise nannten sie gerade Umstände, die sich verhältnismässig einfach ändern liessen: Unterbrechungen bei der Arbeit, Arbeiten in der Freizeit, unklare Anweisungen, organisatorische Probleme und Termindruck. Der Arbeitgeber kann kontrollieren, ob Arbeitszeiten eingehalten werden, einen ungesunden Wettbewerb unter den Mitarbeitenden verhindern, Wertschätzung ausdrücken, Unterstützung bieten, Autonomie ermöglichen, indem Zeit und Aufgaben selbst eingeteilt werden können. Eine solche Unternehmenskultur schützt die Gesundheit der Mitarbeitenden. Leider haben das in der Schweiz erst ein Viertel der grösseren Unternehmen erkannt und Massnahmen für die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden installiert. Bevor  Arbeitnehmer erkranken, Ärzte intervenieren und bundesrätliche Strategien in Kraft treten, sind als Erstes die Arbeitgeber gefordert.

 

Politik + Patient 4/17

 

Dieser Artikel entstand nach dem Public-Health-Symposium zum Thema «Burnout – Modewort oder Massenkrankheit?» vom 5.9.2017.