Am Ende die Menschlichkeit

Das Internet der Dinge und Big Data holen das Gesundheitswesen in der Schweiz ein. Welche Neuerungen bringt die Zukunft – und was bedeuten sie für den Patienten?

 

Wer mehr Schokolade isst, gewinnt eher einen Nobelpreis. Das ist absurd – nur Computer sehen darin einen Zusammenhang. (Bild: iStockphoto)

 

Der Mensch spricht mit der Maschine und die Maschine versteht. Was eben noch als Durchbruch gefeiert wurde, gilt bereits als überholt. Eine neue Generation von Geräten vernetzt sich und tauscht sich untereinander aus – das Internet der Dinge ist geboren.

 

Gesundheit 4.0

Davon will auch das Gesundheitswesen profitieren. Künftig sollen Sensoren nicht nur Bewegungen auf meiner Veranda registrieren und das Licht anschalten, sondern auch Vitaldaten wie den Puls, die Temperatur, die Atmung messen. Sie registrieren, wenn eine Person gestürzt ist, und alarmieren gleich selbst die Rettungskräfte. Eine App für Depressive überprüft, wie oft die Betroffenen mit anderen Menschen telefonieren, ihnen schreiben, wie viele Smartphones in der Nähe sind. Sie kontrolliert mittels GPS-Daten, wann die Patienten draussen sind und wie häufig sie Sport treiben. «Rufen Sie doch diese Woche drei Freunde an», empfiehlt die App. Am Arbeitsplatz geben die Mausbewegungen Auskunft darüber, wie hoch das Stresslevel des Benutzers ist. Sie sind Burnout-Frühwarnsystem, sagen aber in Tests auch schon Alzheimer voraus.

 

Der digitale Coach

Die Geräte drängen zunehmend in die Rolle des Arztes. Was wie Science-Fiction klingt, ist längst real. Alexa, die persönliche Shopping-Assistentin von Amazon, erklärt auf Anfrage, wie eine Herz-Lungen-Wiederbelebung funktioniert. Siri, mit der Millionen iPhone-Nutzer täglich agieren, reagiert empathisch und empfiehlt, mit Freunden über Sorgen zu sprechen. Anna und Lukas sind zwei Chat-Bots in einer App für übergewichtige Kinder und Jugendliche. Sie fragen nach dem Befinden, den Essgewohnheiten, regen zu Bewegung an. Vor die Wahl gestellt, ob sie lieber mit dem Arzt oder mit Anna und Lukas reden wollten, wählten 96% der Kinder in der ersten Woche ihre interaktiven Chatfreunde. Die «digitale Pille» von heute sind Verhaltensinterventionen; Smartphones, die wir ständig bei uns tragen, werden zur Apotheke.

 

Big Data oder Big Failure?

Ihre Informationen holen sich die Maschinen dank Big Data, Billiarden Terabytes von Daten. Dazu brauchen sie nicht mehr als einen Internetzugang. Über 80’000 Gene wurden 2016 identifiziert. Im selben Jahr veröffentlichten mehr als 5’000 medizinische Journals online täglich über 2’000 Artikel. Diese Datenmengen kann kein Mensch in seinem ganzen Leben erfassen. Maschinen schon. Sie nehmen sie auf und lernen daraus. Das Problem liegt nun darin, womit wir die unzähligen Datenbanken und das Internet füttern. Nach der schönsten Frau gefragt, wählt eine künstlich intelligente Maschine die weisse, junge, blonde, leicht bekleidete. Weil sie im Internet gelernt hat, dass das dem Konzept Frau am nächsten kommt. Daten allein zeigen den Maschinen nicht, was wichtig ist. Computer unterscheiden nicht zwischen Korrelation und Kausalität. Für eine Maschine geht der Gewinn von Nobelpreisen mit dem Schokoladenkonsum im entsprechenden Land einher. Und noch etwas ist ihr fremd: Anonymität. Computer haben auf Daten Zugriff, die einzelne Blutwerte so aussagekräftig machen wie einen Fingerabdruck. Von da ist es kein grosser Schritt zu individuell auf die Gesundheitsdaten abgestimmten Krankenkassenprämien.

 

Viele Möglichkeiten, viele Grenzen

Sind das die Opfer, die wir für die moderne Medizin bringen? Zumindest nicht heute. Die Hürden für Big Data sind gross. Ob die Blutwerte von Diabetikern drei Mal täglich oder dank eines Hautsensors minütlich abgelesen werden – die Behandlung bleibt dieselbe. Digitalisierte Messmethoden treffen auf langsam wirkende Medikamente wie Insulin. Deshalb ist Big Data in der Medizin nicht nur teils überflüssig, sondern auch gefährlich. Die Datenqualität stimmt schlicht nicht. Die Ergebnisse sind zu wenig übertragbar, zu oft falsch positiv, es gibt keine Informationssicherheit und zu wenig Evidenz. Die Lebensumstände des einzelnen Patienten machen es bis heute unmöglich, ihn zu standardisieren.

 

Was bringt die Zukunft?

Doch das ist vermutlich nur eine Frage der Zeit. Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, den technischen Fortschritt zu gestalten. Wie gehen wir mit Abweichlern um? Sollen künftig gewisse medizinische Leistungen nur denen zustehen, die den Fortschritt akzeptieren? Die die Behandlung durch den Roboter zulassen und auf das analoge Element – den Arzt – verzichten? Wir werden abwägen müssen zwischen dem, was möglich ist, und dem, was wir wollen. Wir laufen Gefahr, etwas zu verlieren, um das es sich zu kämpfen lohnt – den menschlichen Kontakt, die Arzt-Patienten-Beziehung. Bei aller Euphorie darf das Internet der Dinge nie zum Selbstzweck werden. Es muss in kleinen Schritten implementiert werden, wo es die beste Lösung für ein ungelöstes Problem ist. Sonst gerät der Patient mehr und mehr in Vergessenheit, wo er eigentlich ins Zentrum gehört.

 

 

Dieser Artikel stützt sich in grossen Teilen auf Referate anlässlich der Trendtage Gesundheit Luzern vom 29./30. März 2017. Weitere Informationen auf www.trendtage-gesundheit.ch.

 

 

 

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