«Konkurrenz ist für mich motivierend»

Nationalrat Heinz Brand (SVP) ist seit 1. Januar 2015 neuer Präsident von Santésuisse, dem Verband der Schweizer Krankenversicherer. Im Gespräch mit «Politik+Patient» erläutert er seine gesundheitspolitischen Positionen.

 

 

Politik+Patient: Sie haben sich als Migrationsexperte einen Namen gemacht – weshalb werden Sie Präsident eines Krankenversichererverbands?
Heinz Brand: Im Kanton Graubünden kennt man mich als gesundheitspolitischen Akteur bestens: Ich war 12 Jahre lang Präsident der Flury Stiftung, die in der Region Prättigau in der Gesundheitsversorgung tätig ist. Ich habe vor kurzem ein neues Spital und zuvor ein neues Altersheim gebaut, verschiedenste Investitionen begleitet und innovative Pflegelösungen realisiert. Deshalb wurde ich wohl auch für das Santésuisse-Präsidium angefragt.

 

Welche gesundheitspolitischen Schwerpunkte vertreten Sie?
Im Gesundheitswesen steht primär der Kostenaspekt im Fokus: Oberstes Ziel muss sein, die Kostenentwicklung unter Kontrolle zu behalten. Zweiter zentraler Punkt ist die Beibehaltung eines freiheitlichen Gesundheitswesens. Drittens muss die Qualität erhalten und die Qualitätsmessung verbessert werden. Schliesslich gilt es, einen echten Wettbewerb und die dafür erforderliche Transparenz im Gesundheitswesen zu fördern.

 

Wo sehen Sie die grössten Effizienzgewinne?
Indem angestammte Grenzen gesprengt werden: Man muss vermehrt über die kantonalen Grenzen hinausschauen, bei der Formulierung der medizinischen Angebote braucht es eine regionale Betrachtungsweise. Der Leistungskatalog wird leider noch zu sehr nach dem Angebotsprinzip gestaltet und nicht danach, was wirtschaftlich Sinn macht und vertretbar ist. Die Leistungserbringer müssen sich überregional zusammentun und gemeinsame Lösungen realisieren. Das Ziel: Einsparungen erzielen, ohne dass die Qualität leidet. Ich musste als Präsident der Flury Stiftung leider feststellen, dass der Wille zur Kooperation nicht sehr ausgeprägt ist.

 

Befürworten Sie Spitalschliessungen?
Weniger und grössere Spitäler bringen per se nicht mehr Effizienz. Es ist ein Trugschluss zu glauben, grössere Spitäler seien billiger: Die Zahlen zeigen eher das Gegenteil. Entscheidend ist die sinnvolle Arbeitsteilung zwischen grösseren und kleineren Spitälern. In einem grösseren Spital sind bei komplexen Eingriffen Komplikationen seltener, weil die Chirurgen und ihre Teams aufgrund der höheren Fallzahlen geübter sind. Spitäler dürfen sich in ihrem Angebot durchaus unterscheiden, damit die Patienten Wahlfreiheit haben und die beste Behandlung erhalten.

 

Was heisst Innovation für Sie?
Über Innovationen reden viele, die wenigsten realisieren sie tatsächlich. Beim elektronischen Patientendossier etwa sind wir auf dem richtigen Pfad: Hier kann man – nach Überwindung der Anfangsschwierigkeiten – viele Synergien generieren. Mit dem elektronischen Patientendossier gewinnt der Arzt Zeit für den Patienten, wir erzielen Einsparungen bei der Abrechnung und erhalten mehr Transparenz und Sicherheit. Innovation im Bereich der Qualitätsmessung ist eine entscheidende Voraussetzung für die freie Spitalwahl.

 

Santésuisse hat seit 2013 Konkurrenz durch Curafutura – was bedeutet das für Sie?
Eine Mehrverbandsstrategie ist suboptimal und liegt nicht im Interesse der Versicherer und der Versicherten. Ich stelle mich selbstverständlich dieser Konkurrenz, sie ist für mich auch motivierend. Santésuisse hat eine gute Ausgangslage: Wir haben mit dem Ausbildungs- und Datenbereich ein solides Fundament – und mit Tarifsuisse einen erfahrenen Player in unseren Reihen. Ich will mit Santésuisse eine optimale Performance erreichen und mit den Verbandsmitgliedern gute und zukunftsfähige Lösungen verwirklichen.

 

Was bringt in naher Zukunft den grössten Nutzen für unser Gesundheitswesen?
Eine Massnahme allein bewirkt noch keinen «Ruck» in der Gesundheitsversorgung. Es ist vielmehr die Summe von patientenorientierten Massnahmen, die Verbesserungen bewirken. Der schnellste und effektivste Schritt liegt sicher darin, das Gesundheitsbewusstsein der Versicherten und ihre Eigenverantwortung zu stärken. Das Konsumdenken hat im Gesundheitswesen ein bedenkliches Ausmass erreicht. Dieses Denken «Wenn ich schon viel für die Krankenkasse bezahle, will ich auch etwas zurück» ist nicht zukunftsfähig. Auch der Kontrahierungszwang ist für mich mittelfristig kein Tabu: Wenn man von Wettbewerb spricht, sollen die Versicherungen auch frei sein, mit wem sie Verträge abschliessen wollen. Langfristig bietet das Gesundheitswesen noch einiges Veränderungspotenzial – ich freue mich, aktiv daran mitwirken zu können.

 

Herr Nationalrat Brand,
besten Dank für das Gespräch.



Heinz Brand

Heinz Brand lebt in Klosters und war von 1987-2011 Leiter des Amts für Polizeiwesen und Zivilrecht des Kantons Graubünden. Von 1994 bis 2014 war er Vorstandsmitglied, ab 2002 Präsident der Flury Stiftung, die in der regionalen Gesundheitsversorgung aktiv ist. Brand ist seit 2011 Nationalrat, seit 2012 auch Präsident der SVP Graubünden. Er ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter.

 


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