Wer ist schuld am Hausärztemangel?

Die Schweiz ringt um Grundversorger. Der Hausärztemangel kam aber nicht aus heiterem Himmel. Vielmehr wurden Zeichen der Zeit über Jahre hinweg ignoriert. Planwirtschaftliche Fehler verfolgen uns bis heute.

 

Der Hausärztemangel ist Realität: In 19 Kantonen praktizieren bereits zu wenig Hausärzte. Schweizweit fehlen über 2000 Grundversorger. Und die Situation spitzt sich zu: In fünf Jahren geht ein Drittel der praktizierenden Ärzteschaft in Rente. Viele der neu ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte werden nur Teilzeit arbeiten. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Das verlangt nach mehr Hausärzten, als die Schweiz derzeit ausbildet. Dieser Umstand ist aber weder gottgegeben noch brach er plötzlich über uns herein: Vielmehr ist der Hausärztemangel das Resultat einer Kette von gesundheitspolitischen Fehlentscheiden. Eine Chronik der vier Kardinalfehler.

 

1. Die Einführung des Numerus clausus

Vor dreissig Jahren fürchtete sich die Schweiz vor einem Ärzteüberfluss. Doch als die Politik 1998 den Numerus clausus einführte, hatte der Wind bereits gedreht. Der Ärztemangel war absehbar. Der Bundesrat beschwor hingegen noch Anfang der 2000er-Jahre eine Ärzteschwemme. Statt die Ausbildungsplätze zu erhöhen, wurden junge Menschen weiter vom Medizinstudium abgehalten. Seither ernten wir die Früchte dieser zweifelhaften Saat. Von den über 5’000 Angemeldeten darf 2016 nur knapp ein Drittel das Studium der Humanmedizin aufnehmen. Die Zahl jährlich ausgestellter Diplome stagniert bei etwa 800. Nötig wären laut dem Ärzteverband FMH mindestens 1’300. Und nur ein Fünftel der Studierenden arbeitet später als Hausärztin oder Hausarzt. Weil der Numerus clausus soziale Kompetenzen praktisch nicht berücksichtigt, trifft er besonders die Fachrichtungen, die sich dadurch auszeichnen. Zukünftige Hausärzte, aber auch Psychiater werden öfter schon vor dem Studium ausgesiebt.

 

Künftig keine Selbstverständlichkeit mehr? Ein Grundversorger besucht einen Patienten in dessen abgelegenem Zuhause. (Bild: Keystone)

 

2. Die Willkür der Kassen

Die Krankenkassen gehen rigoros mit Ärzten ins Gericht. Wer besonders viele chronisch kranke Patienten behandelt oder solche, die an mehreren Krankheiten leiden, hat einen höheren Arbeitsaufwand als der durchschnittliche Arzt. Er gibt die Kosten an die Kasse weiter und gerät damit ins Visier von Santésuisse. Der Kassenverband wirft ihm «Überarztung» vor. Sogenannte Wirtschaftlichkeitsverfahren sollen beweisen, dass der Arzt unnötige Therapien angeordnet hat. Doch die Verfahren sind veraltet und fehleranfällig. Bei den Patienten erhebt Santésuisse zum Beispiel nur, ob sie aufgrund von Geschlecht und Alter teurer sein könnten als die Patienten von anderen Ärzten. Diese zwei Faktoren sollen darüber entscheiden, ob eine Behandlung medizinisch sinnvoll war oder nicht. Die eigene Unschuld zu beweisen ist für Ärzte zeitaufwändig und angesichts solcher Kriterien schwierig. Dabei geht es um existenzbedrohende juristische Verfahren. Das verunsichert die Ärzteschaft. Unbegründete und grossflächig eingesetzte Wirtschaftlichkeitsverfahren schüren den Hausärztemangel.

 

3. Die unsinnige Kostenneutralität

Hausärztinnen und Hausärzte haben seit Einführung des Krankenversicherungsgesetzes KVG vor über 20 Jahren keinen Teuerungsausgleich erfahren. Seit 1971 sind die Einkommen der Ärzte mit eigener Praxis um 40 Prozent gesunken. Dagegen steigen ihre Ausgaben: Gutes Praxispersonal kostet heute mehr als früher, die Löhne sind gestiegen. Trotzdem soll die Umsetzung des neuen Tarmed, der Tarifrevision der ärztlichen Leistungen, aus Bundessicht kostenneutral erfolgen. Das heisst: Wie viel eine Ohrenuntersuchung, eine Knieoperation und ein Ultraschall kosten, soll zwar neu beurteilt werden. Insgesamt dürfen die Kosten für hausärztliche Leistungen aber nicht steigen. Das ist eine unverständliche Diskriminierung gegenüber anderen Berufsständen. Unvorstellbar etwa, ein Detailhändler dürfte steigende Lebensmittelpreise nicht an seine Kunden weitergeben. Die Kostenneutralität ist auch nicht rechtens: Im KVG ist explizit festgehalten, dass der Tarif sachgerecht und betriebswirtschaftlich berechnet werden muss.

 

4. Die Bürokratisierung der Medizin

Statt den Beruf des Allgemeinpraktikers reizvoller zu machen, wird die Kontrollschraube angezogen. Ärztinnen und Ärzte werden zu Schreibtischtätern. Assistenzärzte verbringen heute fast so viel Zeit mit Dokumentieren wie am Spitalbett. Und die Bürokratie nimmt weiter zu. Neu verlangt das Bundesamt für Statistik (BfS) im Rahmen des Projekts Modules Ambulatoires des Relevés sur la Santé (MARS) erheblich mehr Daten ein – wie ein Patient behandelt wurde, welche Medikamente er erhalten hat, die Rechnung, die ihm gestellt wurde. Das kostet Zeit, während der Ärzte sich mit ihren Patienten befassen könnten. Auch der Datenschutz ist ein Problem. Zwar verwendet das BfS nicht wie ursprünglich geplant die AHV-Nummer zur Identifikation der Ärzte. Doch je nach Region, Fachgebiet und Patientenstamm ist es nicht schwierig, auf einen einzelnen Arzt (und Patienten!) zu schliessen.

 

Die behördlichen Fehltritte haben dem Hausarztberuf nachhaltig geschadet. Nicht nur werden zu wenige Grundversorger ausgebildet. Lähmende Bürokratie, willkürliche juristische Verfahren und betriebswirtschaftliche Vorgaben, die kein anderer Berufsstand erbringen muss, tun ihr Übriges. Kein Wunder, überlegt sich ein junger Arzt unter diesen Umständen zweimal, ob er eine eigene Praxis eröffnen soll. Die Arbeit ist mit einer 100 Millionen-Finanzspritze für die Hausarzt-Ausbildung nicht getan. Solange grenzwertige, willkürliche und unverhältnismässige Eingriffe in die freie Berufsausübung stattfinden, wird das Nachwuchsproblem in der Grundversorgung weiter bestehen.

 

 

 

Politik+Patient 4/16