L'or gris

Die Alterung der Gesellschaft birgt ungeahnte Chancen, sagt Altersforscher François Höpflinger. Es gibt immer mehr aktive, gebildete und gesunde Alte. Dieses Potential gilt es zu nutzen.

 

«Das Potential der Alten wird erst allmählich erkannt», sagt Altersforscher
François Höpflinger.

 

 

 


Politik+Patient: Jugendlich auszusehen ist heutzutage ein regelrechter Wahn. Wieso ist das Bild des Alterns so negativ besetzt?
François Höpflinger: Im Christentum wird das Altern negativer betrachtet als etwa in asiatischen Kulturen. Die Sitten, welche die Stellung der Alten gestärkt haben, wurden im Christentum geschwächt: Ahnenkult, Ausrichtung auf Familie, patriarchale Clan-Strukturen. Auch das Aufkommen der Schriftkultur war ein Faktor: Man brauchte die Alten nicht mehr, um sich an etwas zu erinnern. Spätestens seit der französischen Revolution wird Jugend mit Fortschritt in Verbindung gebracht. In einer langlebigen Gesellschaft ist es zudem sinnvoll, lange jung zu sein. Wenn die Leute 90 werden, fühlen sie sich mit 50 nicht alt. Mit Schönheitsoperationen wird teilweise versucht, die Diskrepanz zwischen geistigem Jungsein und körperlichem Altern zu überbrücken: Viele Leute sind kognitiv auf ihrem Höhepunkt und immer mehr Menschen wollen auch körperlich so aussehen.

Es heisst, es wird immer mehr Alte geben, die viel kosten. Mit welchen Transferleistungen können sich Ältere revanchieren?
Die Rentner sind eine der wichtigsten Konjunkturstützen. Sie generieren Einnahmen und Arbeitsplätze, etwa in der Medizin. Sie sind eine Wachstumsbranche. In familialen Beziehungen fliessen bis zu 10% der AHV-Rente zurück an die Nachkommen: sei es durch Darlehen, Spielzeug für Enkelkinder oder deren Betreuung. Ein nicht zu unterschätzender Transfer von Alt zu Jung sind Erbschaften oder auch Freiwilligenarbeit. Das Potential der Alten wird erst allmählich erkannt – als graues Gold, l’or gris. Denkbar ist etwa, Pensionierte für Arbeit auf Abruf oder Ferienvertretungen zurückzuholen. Aber: Solche Projekte müssen eng begleitet werden. Die Jungen wollen möglichst schnell viel wissen, die Älteren möchten Kommunikation. Dazwischen muss man vermitteln. Es gibt schöne Beispiele: So haben wir einmal eine Frau getroffen, die mit 84 aus der Pension geholt wurde, um in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche Französisch zu unterrichten. Weil sie als grossmütterlich wahrgenommen wurde, hat das sehr gut funktioniert.

Leidet die Solidarität mit den Jungen unter der demografischen Entwicklung?
Auf der familialen Ebene funktioniert Solidarität. Die Grosseltern sind länger da und länger gesund. Wir haben bessere Generationenbeziehungen, weil viele ältere Menschen gegenüber Entwicklungen offener sind. Teenies finden ihre Eltern heute besser als noch vor 20 Jahren. Auch wirtschaftliche Faktoren spielen mit: Studierende finden keinen Wohnraum und bleiben länger zuhause. So werden Familienbande gestärkt. Ausserhalb der Familie können Alters- und Kulturunterschiede zu Missverständnissen zwischen den Generationen führen. So haben viele ältere Menschen Mühe mit Jugendlichen aus anderen Kulturen, weil sie sie nicht verstehen. Die demografische Entwicklung hin zu mehr älteren und alten Menschen belastet die Jungen kaum. Lediglich bei den Kopfprämien der Krankenkassen kommt es vermehrt zu Problemen, wenn junge Familien dadurch stark belastet werden.

«Durch die Übernahme ökonomistischen Denkens begreift sich der moderne Mensch als Unternehmer seiner selbst und den eigenen Körper als Biokapital, in das er investieren muss», meint der Arzt und Philosoph Giovanni Maio. Es herrsche ein Zwang zur Selbstoptimierung, zum ausschliesslichen Schön- und Gesundsein. Ist das so?
Ja, und das ist tatsächlich eine ganz neue Entwicklung. Das Alter wird gestaltbar. Man weiss heute: Man kann mit 70 noch Hirnzellen bilden, durch Sprachenlernen oder Jonglieren. Muskeltraining und ausgewogene Ernährung erhöhen die Dauer des gesunden Alters. So wird Selbstoptimierung zur moralisch-gesundheitlichen Verpflichtung. Dieses neue Biokapitel wird kombiniert mit einem wieder aufgewerteten Sozialkapital. Das hat Giovanni Maio noch nicht gesehen. Meine Vermutung ist, dass die Individualisierungswelle nach 2005 ihren Höhepunkt überschritten hat. Gemeinschaftliche, genossenschaftliche Elemente werden wichtiger, share economy boomt, auch bei Senioren. Das führt zu Alterswohngemeinschaften, Generationenhäusern, Grosseltern-Kinder-Spielgruppen, dem Austausch von Kinderkleidung. Der nächste Schritt ist die Erschliessung von kognitivem Kapital, Lernkapital. Das lebenslange Lernen, etwa der Besuch einer Seniorenuniversität, ist momentan noch der Elite vorbehalten. Neu ist, dass auch Senioren Bio-, Sozial- und Lernkapital kombinieren. In einem fremden Land wie Nepal wandern, dabei soziale Projekte im Land unterstützen und noch die Sprache und Kultur kennen lernen. Das sind aber noch Einzelprojekte, die weitgehend unter dem Radar der Politik ablaufen.

Wir werden immer älter. Wo sehen Sie die dringlichsten Herausforderungen der nächsten Jahre?
Es wird sicher Engpässe beim Pflegepersonal geben. Die Rotation ist wegen der Arbeitsbedingungen zu hoch. Pflegende und Ärzte müssen oft zu viele administrative Aufgaben erledigen. Wenn man diese reduziert, steigt die Motivation für den Beruf. Auch die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann helfen. Pflegeheime kombiniert mit Kindertagesstätten zum Beispiel haben weniger Rekrutierungsprobleme. Demographisch gesehen liegt die grösste Herausforderung bei der politischen Grenzziehung. Die Gemeinde- und Kantonsgrenzen stimmen mit den demographischen Strukturen nicht mehr überein. Manche kleine Gemeinden werden von der Pflegefinanzierung überfordert und müssen fusionieren, etwa im Kanton Graubünden. Mit der Zeit werden wohl auch Kantonsfusionen nötig – warum müssen Nid- und Obwalden zwei Kantone sein? Und es muss ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden: Wir leben nach dem veralteten Prinzip des Nacheinander von Ausbildung, Erwerbstätigkeit, Ruhestand. Wir brauchen ein Nebeneinander: lebenslanges Lernen, lebenslange Aktivität in verschiedenen Formen, aber auch lebenslange Ruhephasen. Warum soll jemand mit 50 nicht ein Jahr ein Sabbatical nehmen und dafür länger arbeiten?

Sehen Sie Möglichkeiten, auf der anderen Seite des Pflegemangels anzusetzen – bei den Pflegebedürftigen?
Mit Gesundheitsförderung lässt sich theoretisch ein Drittel, sicher aber ein Viertel der Pflegebedürftigkeit im Alter verhindern. Mit Ernährung und Bewegung, der Reduktion von Sturzgefahr, Vitamin-D-Supplementen usw. ist viel zu erreichen. Auch Rehabilitation gehört dazu. Diverse Studien belegen: Durch 10-minütige Übungen im Krankenbett kann die Muskelkraft selbst bei über 90-Jährigen um bis zu 150% gesteigert werden. Muskel- und Hirnkraft sind eng miteinander verbunden. Es existieren Möglichkeiten, an die man früher gar nicht gedacht hat. Die nächste Frage lautet: Wie zwingt man die Leute zu ihrem Glück? Ein Beispiel ist das Tandemsystem beim Fitness: Wenn man die Preise für ein Zweierabonnement senkt, werden die Leute stärker motiviert. Oder: Tagesschulen mit einem guten Mittagstisch. Das entlastet die Eltern, die Kinder essen gesünder, ältere Leute können mithelfen und ernähren sich in der Folge auch besser. Das Ganze lässt sich mit Bewegungsförderung kombinieren. Eine geschickte Konzeption von Tagesschulen wäre die Lösung vieler Probleme.


Früher oder später werden wir länger als 65 arbeiten müssen, um unseren Lebensabend zu finanzieren. Ist das aus Ihrer Sicht die Lösung?

Das ist unumgänglich. Aber dazu braucht es viel: Wenn die Leute bis 70 arbeiten, muss garantiert werden können, dass sie auf dem neusten Stand sind, aber die Karriere der Jüngeren dadurch nicht blockiert wird. Das heisst, es braucht neue Karriereformen. Es braucht eine altersneutrale Gestaltung der Sozialpolitik. Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz mit Ruhephasen, Weiterbildung 50plus, das alles fehlt noch. Mit den gegebenen Strukturen wären momentan nur 40-60% der Arbeitnehmer gesundheitlich in der Lage, weiterzuarbeiten. Die Schweiz ist mit ihren wirtschaftlichen und medizinischen Strukturen für die demographische Entwicklung vergleichsweise gut gerüstet. Im Vergleich zu anderen Ländern sind am Rentensystem nur wenige Anpassungen nötig: vielleicht 2 Jahre länger arbeiten, den Umwandlungssatz bei der beruflichen Vorsorge reduzieren und 1-2% der Mehrwertsteuer erhöhen. Die Politik ist aber momentan blockiert und sieht das als schier unüberwindliche Aufgabe.

Ab wann ist man alt?
In vielen Kulturen ab 60. Das war in der Eidgenossenschaft wie im alten Rom so. Wenn man 15-24-Jährige befragt, halten sie 60 für alt, und das Jungsein geht bis 34. 65-69-Jährige meinen: Jungsein hört mit 48 auf, Altsein beginnt mit 70. Heute unterscheidet man die jungen Alten bis 80 und die alten Alten. Im Marketingbereich sind für viele Branchen die Senioren, die 50-64-Jährigen, die interessanteste Gruppe: ein hohes Einkommen, erwachsene Kinder. Sie haben erste Alterserscheinungen, was für Branchen wie Optiker und Anti-Aging-Kosmetik interessant ist. Sie möchten reisen, aber im gehobenen Segment, und vielleicht ein Eigenheim kaufen.

Was ist gutes Altern?
Neben Gesundheit sind weitere Faktoren wichtig: gute soziale Beziehungen, Aktivitäten, wirtschaftliche Absicherung. In der Schweiz und Skandinavien leben die aktivsten jungen Alten. Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Absicherung und Gesundheit in dieser Altersgruppe ist sehr ausgeprägt. Im sehr hohen Alter rücken andere Dinge in den Vordergrund: Akzeptanz der Grenzen des Machbaren, Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, Frieden schliessen mit der Vergangenheit. Enorm wichtig bleiben auch die Offenheit gegenüber neuen Entwicklungen und Neugier.

Auf alten Fotos sehen 50-Jährige aus wie heute die 80-Jährigen. Altern wir anders als früher?
Eindeutig. Das körperliche Alter hat sich nach oben verschoben. Die heute über 80-Jährigen sind viel weniger einsam, weniger müde, weniger traurig. Sie fühlen sich subjektiv gesünder, haben eine höhere funktionale Alltagsautonomie. Sie pflegen häufiger noch enge Freundschaften und haben bessere Beziehungen zu ihren erwachsenen Kindern.

Weshalb?
Diese Generation ist gut ausgebildet. Viele konnten vom Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegsjahre profitieren. Es gab weniger körperliche Arbeit in der Industrie, besseres Mikroklima, bessere Wohnungen. Medizinische Innovationen wie die Operation vom grauen Star und Hüftoperationen kamen auf. Hörprobleme lassen sich besser und länger kompensieren.

Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein.
Es sind weniger Leute, die durch die Maschen fallen. Aber: Wer einsam ist, fühlt sich heute noch einsamer. Die Schere öffnet sich. Manche gehen ins Fitness und ernähren sich gesund, lernen neue Sprachen. Andere machen gar nichts, sitzen vor dem Fernseher und essen Chips. Adipositas nimmt weiter zu, das ist ja das Paradoxe in unserer Selbstoptimierungsgesellschaft. Sehen Sie es wie einen Marathon: Die Fitten laufen den andere davon, mit jedem Meter wird die Bandbreite grösser. Hier ist der Bildungshintergrund ein Hauptfaktor, in allen Altersgruppen. Es ist nicht die Migration, wie viele denken.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird sich das Altern in den nächsten Jahren verändern?
Jetzt werden die Generationen alt, die noch mehr vom Wohlstandsaufschwung und der Bildungsexpansion profitiert haben. Die zukünftigen Alten wissen, wie man sich pflegen kann und wie man sich im Internet informiert. Die Wirtschaft realisiert diese Veränderungen momentan viel mehr als die Politik. Sehr Vieles läuft hinter den Kulissen ab. Was sogar Geriater und Ärzte erstaunt: Diese Entwicklung macht auch vor dem höchsten Alter nicht halt. Die Heidelberger 100-Jährigen-Studie 2 hat gezeigt, dass die Jahrgänge 1912 mit 100 Jahren signifikant bessere kognitive Fähigkeiten hatten als die Jahrgänge 1901. Selbst im höchsten Alter, wo man das Gefühl hat, es müsse biologische Grenzen geben, zeichnen sich Veränderungen ab. Es kann durchaus sein, dass nächste Generationen auch biologisch andere Altersprozesse durchleben werden.

Für die Politik ist es doch enorm schwer, unter diesen Voraussetzungen Entscheidungen zu treffen.
Da sollte sie sich ein Beispiel an der Wirtschaft nehmen. Wenn man flexible Strukturen hat, muss man keine Planung machen. Dynamische Entwicklungen lassen sich politisch nicht steuern. Sie lassen sich nur begleiten, korrigieren. Negative Konsequenzen lassen sich ein Stück weit abfedern.


Es existieren zahlreiche Ratgeber über das Alter, darunter auch Klassiker von Cicero oder Seneca. Sind deren Ratschläge heute noch statthaft?

Viele Elemente werden wiederentdeckt: Gelassenheit, sich Zeit nehmen, die Kunst des guten Lebens. Genügsamkeit ist ein grosses Thema. Im hohen Alter muss man sich zurücknehmen und akzeptieren, was man nicht mehr kann. In den Vordergrund treten die kleinen Freuden. So hat etwa der Garten eine enorm positive Wirkung, auch auf Demenzkranke. Ein weiteres Thema ist ars moriendi, die Kunst des Sterbens: In einer Gesellschaft, die auf Lebensverlängerung und –optimierung zielt, muss man irgendwann die Grenzen des Lebens wieder thematisieren.

 

 

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