Like your doctor

Daumen hoch, Daumen runter: Nun wollen sich die Ärztinnen und Ärzte also auch von ihren Patienten, pardon: Kundinnen evaluieren lassen. Vermutlich wegen dem Zeitgeist, mit dem sich in der Tat nicht spassen lässt. Der Preis dafür ist allerdings recht hoch.

 

 

Was spricht dagegen, seinen Doktor zu liken? Eine solche Bewertung ist eine komplexe Angelegenheit: Was die Ärztin mit den Patienten tut, entspricht jedenfalls keinem Restaurantbesuch, der sich mit Punkten bewerten lässt. Denn ob der Patient gesund oder noch kränker wird und warum, hängt von manchem ab: von der Diagnose, von der Schilderung seiner Symptome, von der nicht immer voraussehbaren Wirkung der Therapie; davon, was vorher schon gedoktert wurde, von allerhand Psychischem, das beim Genesen hilft oder schadet; davon, ob der Patient die Pillen auch wirklich schluckt; am Ende vielleicht gar davon, ob der Kranke denkt, seine Ärztin sei eine Göttin in Weiss.

 

Was das Herz begehrt
Doch was ist, wenn – und nun folgt der Beipackzettel mit den Nebenwirkungen drauf – derselbe Patient mit nicht so schnell heilbaren Bresten daher kommt und diese dann bleiben, trotz allen Salben und Pulvern? Eine herbe Enttäuschung ist das, die Göttin muss dann vom Sockel, also herunter mit dem Daumen. Aber der Mittelwert kann gerettet werden, wenn die anreizgesteuerte Frau Doktor dem Hypochonder gibt, was sein gesundes Herz begehrt. Auch wenn es mehr schadet als nützt? Hauptsache, die Daumen schnellen wieder hoch. Es spielt keine Rolle, wie es sich in Wirklichkeit verhält: Jedes Bewertungssystem, von wem auch immer installiert, stellt den Arzt letztlich als guten oder schlechten Verkäufer eines Produkts dar, das von der Patientin entsprechend der Anzahl Sterne oder Daumen in den Einkaufswagen gelegt wird; und das nagt am Ansehen und damit an der Vertrauensbasis des ganzen Berufsstandes – und damit an der Basis, die für eine professionalisierte Praxis unabdingbar ist. Gewiss, die kluge Ärztin kann sagen: mir egal, ob die Daumen nach oben oder nach unten gehen – ich tue meine Arbeit ohnehin so gut es geht. Doch dann ist die Reaktion – «die da oben in ihren Götterpraxen machen sowieso, was sie wollen» – garantiert. Eine andere, weniger abgebrühte Frau Doktor, will sich vielleicht verbessern: kontinuierlich, lebenslänglich, wie es im Qualitätsmanagementhandbuch steht. Und dann, neun Jahre später: Welche Bewertung erhält der Arzt, der das Burnout eben dieser Frau Doktor dann zu 89% kuriert – abgesehen davon, dass es das medizinisch gar nicht gibt?

 

Götter in Weiss
Und wenn bei einigen Ärzten besonders viele Daumen hochgehen, dann Achtung, Nebenwirkung Nummer eins (in 3.84% der Fälle): Es steigt ihnen in den Kopf, und am Ende gebärden sie sich tatsächlich wie Götter in Weiss, obwohl es evaluierte Götter gar nicht geben kann. Und die andern, bei denen die Daumen meist nach unten zeigen? Die bekommen dann bei entsprechender Anreizdisposition einen Komplex wegen der Reduktion auf ihre Hilfshandwerkertätigkeit, wie Gotthelfs Landarzt in Anne-Bäbi Jowäger 1844: «Ich bin dessen gewohnt, bin überhaupt gewohnt, dass man mir alles bös auslegt. Gerade solche Auslegungen sind schuld daran, dass uns das Interesse an den Menschen vergeht; und wundern soll man sich dann gar nicht, wenn zuletzt uns allerdings die Menschen nicht anders vorkommen als dem Kesselflicker die alten Pfannen, welche er ausbessern soll.»
Und schliesslich noch zum Zeitgeist: Spassen lässt sich nicht mit ihm, aber aussitzen könnte man ihn – sich warm anziehen, Tee trinken, den Beipackzettel lesen und warten, bis seine Selbstheilungskräfte ihn zur Vernunft bringen.



Marianne Rychner
Marianne Rychner ist Soziologin und Historikerin. Sie lehrt an Fachhochschulen und ist Mitinhaberin des «Büro für Sozioanalyse», wo sie bei Gelegenheit versucht, dem Zeitgeist durch Analyse beizukommen.




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