Der blinde Fleck

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass ambulant tätige Ärzte die Qualität ihrer Leistungen weder kontrollieren lassen noch verbessern wollen. Politiker unterstellen ihnen gar mangelnde Kooperation. Sie blenden aus, dass Ärzte sich sehr wohl in der Qualitätsverbesserung engagieren.

 

Die Vorwürfe wiegen schwer: Politiker und Vertreter der Krankenversicherer erzählen seit Jahren, ambulant tätige Ärzte engagierten sich nicht für die Qualitätssicherung ihrer Leistung und es gebe keine entsprechenden Instrumente. Die Medien verbreiten diese Information in der Bevölkerung. Sie ist aber falsch. Zwar gibt es im ambulanten Bereich kein landesweites Produkt wie den Nationalen Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ). Das bedeutet aber nicht, dass Ärzte untätig sind. Im Gegenteil: Es gibt eine Vielzahl an Programmen, mit denen Ärzte die Qualität ihrer Leistungen messen und verbessern können. Sie werden rege genutzt, jedoch unter dem Radar von Politikern, Behörden und Medien. Wie gut die medizinische Versorgung in der Schweiz tatsächlich ist, zeigt eine internationale Studie, die kürzlich in der renommierten Zeitschrift Lancet publiziert wurde. Sie basiert auf einem Index, der vermeidbare Todesfälle misst, welche dank adäquater medizinischer Versorgung verhindert werden könnten. Resultat: Die Schweiz hat sich seit 1990 stetig verbessert und belegt heute in einem Vergleich von 195 Ländern den dritten Platz. Politik+Patient sprach mit Dr. Christoph Ramstein, Projektleiter und Präsident der QBM-Stiftung für Qualitätsentwicklung in der ambulanten Medizin.

 

Christoph Ramstein, die jüngsten Studienergebnisse sprechen eine deutliche Sprache. Ist in der Schweiz punkto medizinischer Qualitätssicherung also alles in bester Ordnung?

 

Jein. Die Studie lässt nicht automatisch auf die Qualität im Schweizer Gesundheitswesen schliessen. Sie zeigt aber, dass wir bezüglich Qualitätsbemühungen international an der Spitze stehen.

 

Was bedeutet denn gute Qualität im Gesundheitswesen?

 

Gute medizinische Qualität nützt primär den Patienten, indem Prozesse optimiert und die Behandlungsqualität verbessert werden. Mit der Zeit lassen sich dadurch auch gewisse Kosten einsparen. Politiker verkennen dies und wollen mit medizinischer Qualitätssicherung vor allem eines: durch Rationierung von Leistungen Kosten senken.

 

Wann ist Qualitätssicherung wirksam?

 

Damit ein Arzt Verbesserungsmassnahmen auslösen und umsetzen kann, muss er sich im Quer- und Längsvergleich betrachten können. Der Vergleich mit sich selber und Kollegen führt ihm sein Verhalten und seine Prozessabläufe bewusst vor Augen. So kann er seine Arbeit hinterfragen und anpassen. Die daraus entstehenden Verbesserungen kommen auch den Patienten zugute. Schwer zu erfassen sind hingegen weiche Faktoren wie die Beziehungsqualität zwischen Arzt und Patient.

 

Ärztinnen und Ärzte unternehmen viel, damit ihre Arbeit qualitativ hochwertig bleibt. Von Behörden, Politik und Medien werden sie aber oft als untätig abgestraft, weiss Dr. Christoph Ramstein (re.), Projektleiter und Präsident der QBM-Stiftung für Qualitätsentwicklung in der ambulanten Medizin. Bild: Gabriela Troxler
 

 

Sie heissen SAQM, EQUAM, QBM und stehen für die Qualitätsanstrengungen der niedergelassenen Ärzte. Weshalb nehmen Politik, Behörden und Medien diese Anstrengungen kaum wahr?

 

Die Qualitätsdebatte wird in der Schweiz nicht sachlich geführt. Die ambulanten Projekte werden ausgeblendet, oder sie wecken kein Interesse. Wenig hilfreich ist, dass sie ärzteseitig nicht für verbindlich erklärt werden und dass im ambulanten Bereich verschiedene Qualitätssicherungsprogramme nebeneinander existieren. Teilweise sind Ärzte wohl auch zu wenig motiviert, in eines dieser Programme einzusteigen. Ein Vorbild ist der Kanton Thurgau. Dort müssen Ärzte nachweisen, dass sie über ein Qualitätszertifikat verfügen oder in einem Qualitätsprogramm stehen, bevor sie eine Berufsausübungsbewilligung erhalten. Ein staatlich verordnetes System halte ich aber für falsch.

 

Warum sind ärzteeigene Lösungen besser?

 

Werden Qualitätsanstrengungen gesetzlich verordnet, geht die intrinsische Motivation der Ärzte verloren. Zudem können Behördenvertreter – vielfach medizinische Laien – Vor- und Nachteile der einzelnen Qualitätssicherungskonzepte kaum beurteilen – auch weil ihnen das Verständnis für die vielschichtige Beziehung zwischen Arzt und Patient fehlt. Deshalb sind Konzepte, die von Ärzten für Ärzte entwickelt wurden, besser. Ein Beispiel ist die Qualitäts-Charta der Schweizerischen Akademie für Qualität in der Medizin SAQM der FMH. Nach einer breiten Vernehmlassung haben nahezu 60 Ärzteorganisationen die Charta unterzeichnet. Ein Schritt in die richtige Richtung.

 

Das Qualitäts-Basis-Modul (QBM) des Verbands Deutschschweizer Ärztegesellschaften VEDAG wurde kürzlich in eine Stiftung überführt. Mit welchem Ziel?

 

Wir wollen das Projekt QBM nachhaltig verankern, die Qualität in den Arztpraxen weiterentwickeln und den Patientennutzen steigern. Vor der Überführung in eine Stiftung war QBM lediglich ein Produkt innerhalb des VEDAG. Die neue Rechtsform soll seine Fortdauer gewährleisten. QBM entwickelt sich gut. Wir erhalten sehr positive Rückmeldungen von teilnehmenden Ärzten.

 

 

Stiftung für Qualitätsentwicklung in der ambulanten Medizin

 

Das Qualitäts-Basis-Modul (QBM) macht die ärztliche Qualität in der Praxis sichtbar. Ärzte und ihr Praxisteam erheben periodisch über eine Internet-Plattform Qualitätsdaten. Zudem werden einmal jährlich Daten via Patienten-Fragebogen generiert. Nach jeder Erhebungsphase erhalten die Teilnehmenden einen ausführlichen Report mit Quer- und Längsvergleichen und haben die Möglichkeit, diesen in Auswertungs-Workshops zu besprechen. Mehr unter: www.qbm-stiftung.ch

 

 

Politik+Patient 3/17