KVG auf dem Prüfstand

Seit 20 Jahren ist das Krankenversicherungsgesetz KVG in Kraft. Zeit für eine Bilanz.

 

Drei Ziele hat der Gesetzgeber mit der Schaffung des Krankenversicherungsgesetzes KVG 1996 erreichen wollen: Kosteneindämmung, Verstärkung der Solidarität und freier Zugang zu medizinischen Leistungen. Wo stehen wir heute? «Das KVG hat die Solidarität unter den Versicherten gestärkt. Medizinische Leistungen sind – dank dem KVG – in keinem anderen westlichen Industrieland so breit und offen zugänglich wie in der Schweiz. Die erhoffte Kostendämpfung hat das KVG dagegen bislang nicht gebracht», bilanziert der ehemalige Basler Regierungsrat Carlo Conti. 287’000 Wahlmöglichkeiten Bei der Einführung des KVG 1996 lagen die Gesundheitsausgaben unter 40 Milliarden Franken. 2014 hat die Schweiz knapp 70 Milliarden Franken für ihr Gesundheitssystem ausgegeben. Hanspeter Trütsch, Bundeshauskorrespondent des Schweizer Fernsehens, interessieren die gesellschaftlichen Folgen dieser Kostenentwicklung: Beinahe jeder zweite Schweizer erhält heute Prämienverbilligungen. Gleichzeitig stehen die Prämienzähler vor der Qual der Wahl: Grund- und Zusatzversicherungen lassen sich zu 287’000 Kombinationen zusammenstellen. Diese Auswüchse stehen, so Trütsch, exemplarisch für das unvollendete Werk KVG.

 

Die Gegner des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) befürchteten 1994 eine Explosion der Krankenkassenprämien. Was hat sich in 20 Jahren KVG getan? Bild: Keystone



Solidarität neu denken
So erfolgreich das KVG die Solidarität unter den Versicherten gestärkt hat, so umstritten sind seine Instrumente Risikoausgleich und Prämienverbilligung. Besonders ersterer ist in jüngster Zeit immer wieder unter Beschuss geraten, wie Gesundheitsökonom Willy Oggier an den Trendtagen Gesundheit Luzern 2016 aufzeigt. Die Befürworter der Einheitskasse greifen die Kassenvielfalt und somit den Risikoausgleich an. Eine Einheitskasse würde zwar Leistungen solidarisch finanzieren. Aber als Monopolistin könnte sie sich leicht weigern, mit Ärztinnen und Ärzten Verträge abzuschliessen. Der solidarische Zugang zum Gesundheitssystem wäre für Leistungserbringer nicht mehr gegeben, warnt Oggier. «Noch überwiegen die Vorteile des heutigen Systems die Nachteile». Doch damit der solidarische Zusammenhalt mittel- bis langfristig gesichert werden kann, sei die Solidarität neu zu denken. Oggier könnte sich vorstellen, die medizinische Versorgung aufzuteilen in eine Gesundheitsversorgung bis 65 Jahre und eine Alterspflegeversorgung ab 65 Jahren. Auch eine Zusammenlegung der Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherung wäre für ihn denkbar.

Jährlich rund 8’000 Franken für die Gesundheit
Neben Zugang und Solidarität sollte das KVG auch die Ausgaben im Gesundheitswesen stabilisieren. Weshalb ist es nicht gelungen, die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen? Konstantin Beck, Leiter CSS-Institut für empirische Gesundheitsökonomie, liefert eine Erklärung. Auf der Grundlage alter Daten, die bis 1915 zurückreichen, hat er ein Prognosemodell entwickelt. Laut seinen Berechnungen werden Schweizerinnen und Schweizer – vorausgesetzt, die gesetzlichen Rahmenbedingungen verändern sich nicht – im Jahr 2035 jährlich zwischen 7’700 und 8’500 Franken für medizinische Leistungen ausgeben. Der Kostenanstieg im Gesundheitswesen verlaufe wie auf Schienen. Alle gesundheitspolitischen Reformen im 21. Jahrhundert hätten, so Beck, keine nennenswerten Spareffekte gezeigt. Seine Vorschläge fallen entsprechend radikal aus: «Entweder man akzeptiert den jährlichen Kostenanstieg als systemgegeben, oder man kündigt die Krankenversicherung als Vollversicherung auf.» So müssten Versicherte, die über ausreichend eigene finanzielle Mittel verfügen, für medizinische Bagatellen künftig selber aufkommen.

Patienten in Entscheidungen einbeziehen
Die Gesundheitskosten gar nicht erst entstehen lassen, dies schlägt Christoph A. Meier, Chief Medical Officer des Universitätsspitals Basel, vor. Studien aus den USA hätten gezeigt, dass weniger Operationen durchgeführt werden, wenn Ärzte und Patienten Entscheide über Knieoperationen gemeinsam fällen. Weil diese Patienten bewusst auf Eingriffe verzichten, nehmen sie die gewählte Behandlung nicht als Qualitätseinbusse wahr. Um ein solches Modell in der Schweiz einzuführen, brauche es, so Meier, unabhängige Richtlinien für die verschiedenen medizinischen Fachrichtungen, gut unterrichtete Patientenstellen sowie eine systematische Datenerhebung der Gesundheitsversorgung.

 

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