Was unser Gesundheitswesen stark macht

Das Schweizer Gesundheitssystem macht mit Negativschlagzeilen von sich reden: steigende Prämien, unübersehbare Kosten, Machtkämpfe. Die Prävention sei unterentwickelt, die Qualitätssicherung ungenügend, der Föderalismus blute das Gesundheitswesen aus – alles schon gehört. Zeit für eine Ehrenrettung und 10 Punkte, die unser Gesundheitswesen stark machen.

 

Nicht nur den Arzt, sondern auch die Kasse selber wählen können: Das ist Schweizerinnen und Schweizern wichtig. Bild: Keystone

 

1. Die Qualität ist hoch.
Die Erfolge der letzten Jahrzehnte beweisen es: Grauer Star lässt sich heilen, Hüftoperationen erhöhen die Lebensqualität erheblich und die Chance, Krebs zu besiegen, ist deutlich gestiegen. Sicher: Qualität in der Medizin ist schwer zu messen. Dass die Lebenserwartung und die Lebensqualität im höheren Alter in den letzten Jahren drastisch zugelegt haben, spricht aber für das Gesundheitssystem Schweiz. Nur Japaner und Spanier dürfen im internationalen Vergleich erwarten, älter zu werden als wir.

2. Wir pflegen die freie Arztwahl.
Schweizerinnen und Schweizer wollen selbst bestimmen, wem sie ihre Gesundheit anvertrauen. Das haben sie mehrfach an der Urne verteidigt. Die freie Arztwahl schützt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Sie garantiert medizinische Leistungen aus einer Hand. Viele Schweizer verzichten zugunsten eines Hausarzt- oder HMO-Modells auf die freie Wahl – die Betonung liegt hier aber auf freiwillig.

3. Wer krank wird, hat zumindest eine Sorge nicht.
Der Zugang zum Gesundheitswesen ist niederschwellig: Niemand muss in der Schweiz bangen, im Krankheitsfall aus Kostengründen nicht behandelt zu werden. Mehr noch: Ein umfassender Leistungskatalog ist von Gesetzes wegen garantiert; alle Krankenkassen müssen diesen in der Grundversicherung anbieten.

4. Es herrscht weitgehende Therapiefreiheit.
Ärztinnen und Ärzte entscheiden zusammen mit ihren Patienten, welche Behandlung medizinisch sinnvoll ist. Sie stützen sich auf ihre fachliche Kompetenz und den neusten wissenschaftlichen Erkenntnisstand. Dass die Schweiz nicht auf eine «Kochbuchmedizin» nach starren Leitlinien setzt, gibt Ärzten den Ermessensspielraum, auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen.

5. Der Zugang zu Medikamenten ist gut.
Medikamente gelangen in der Schweiz verhältnismässig schnell auf den Markt. Die Kassen müssen Originalpräparate und Generika gleichermassen übernehmen. Gibt es mehrere verschiedene Präparate gegen eine Krankheit, werden meist alle abgedeckt. Auch Medikamente für seltene Krankheiten (weniger als 5 Patienten pro Jahr und pro 10’000 Einwohner) werden schnell in Versicherungspakete aufgenommen.

6. Die Kostenentwicklung ist kein Fass ohne Boden.
Der Anteil der Gesundheitskosten am Bruttoinlandprodukt (BIP) wuchs zwischen 1960 und 2013 teuerungsbereinigt um das Achtfache. Der Staat zog sich derweil immer mehr zurück und überwälzte die Kosten auf die privaten Haushalte. Das spürt die Bevölkerung in den jährlich steigenden Prämien. Von einer «Kostenexplosion» kann aber nicht die Rede sein. Vielmehr nahmen die Gesundheitskosten kontinuierlich um ca. 4% jährlich zu und damit im Rahmen vergleichbarer Industriestaaten.

7. Der Schweizer Umgang mit Süchtigen ist vorbildlich.
Unsere Drogenpolitik basiert auf einer Vier-Säulen-Strategie von Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Vor 20 Jahren ging die Schweiz mutig einen Schritt weiter: Als erstes Land führte sie die ärztlich kontrollierte Heroinabgabe ein. Der Entscheid sorgte weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen. Doch die Rechnung ging auf und die offene Drogenszene, etwa auf dem berühmten Platzspitz, verschwand. Die Süchtigen sind grösstenteils sozial integriert, die Beschaffungskriminalität ist zurückgegangen. Obwohl das Interesse gross war, fand das Schweizer Modell bis heute wenig Nachahmer: Nur die Niederlande, Deutschland und Dänemark kennen Vergleichbares.

8. Staatliche Regulierung und Wettbewerb halten sich die Waage.
Leistungen in der Grundversicherung sind gesetzlich festgelegt. Was Krankenkassen mit Zusatzversicherungen abdecken, ist ihnen überlassen. Die Prämien werden vom Bundesamt für Sozialversicherungen BSV genehmigt. Einmal gesetzt, gelten sie für alle Altersgruppen: Ein 25-Jähriger zahlt für das identische Leistungspaket dasselbe wie ein 80-Jähriger. Diese Eigenheiten des Schweizer Systems bleiben auch im Ausland nicht unbemerkt: Studien aus der USA bescheinigen der Schweiz grossen Vorbildcharakter. Sie halten das hiesige System mit den Prämienverbilligungen für ausschlaggebend für die grosse soziale Solidarität in der Gesellschaft.

9. Das Gesundheitswesen ist ein Wirtschaftsfaktor.
Die Branche beschäftigt nach Baugewerbe und Detailhandel die meisten Personen in der Schweiz. Rund 356’600 Menschen arbeiteten 2014 im medizinischen Sektor oder in der Pharmabranche – das ist jeder zwölfte Beschäftigte. Gerade in Krisenzeiten bringt diese hohe Beschäftigung Stabilität in die Wirtschaft.

10. Schweizerinnen und Schweizer schätzen das Gesundheitswesen.

Die Zufriedenheit mit unserem Gesundheitswesen ist sehr hoch. Das zeigte 2013 der Gesundheitsmonitor des GfS-Forschungsinstituts. Über 75% der Befragten gaben an, zufrieden oder sehr zufrieden mit dem bestehenden System zu sein. 2015 lag dieser Wert bereits bei 82%. Das ist der höchste je gemessene Zufriedenheitsgrad.

 

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