Big Brother am Handgelenk

Sie messen die Herzfrequenz, überwachen den Blutzucker und registrieren menschliche Bewegungen: Mit Wearables und Applikationen für Smartphones wollen führende Technologie-Konzerne den lukrativen Gesundheitsmarkt erschliessen.

 


Führende Technologie-Unternehmen haben das Gesundheitssystem als neues Geschäftsfeld für sich entdeckt. Mobile Geräte, die menschliche Vitalfunktionen erfassen, sogenannte Wearables, erleben gegenwärtig einen gewaltigen Boom. Nach Prognosen von US-Marktforschern wächst das weltweite Marktvolumen für tragbare Technologien in den kommenden drei Jahren bis auf 60 Milliarden US-Dollar. Die Konzerne sind daran, das Gesundheitswesen mit ihren Produkten zu revolutionieren. So hat etwa Google eine intelligente Kontaktlinse entwickelt, die pausenlos den Blutzuckerspiegel kontrolliert und Alarm schlägt, wenn er kritisch wird. Anbieter wie Fitbit oder Garmin haben Armbänder auf den Markt gebracht, die pausenlos Daten über Aktivitäten und Körperfunktionen sammeln. Via Smartphone-App lassen sich mit ihnen Herzfrequenz und Blutdruck messen, Gehschritte zählen, die Kalorienzufuhr ermitteln oder der Schlafrhythmus bestimmen.

Dank Wearables gesünder leben?
Den tragbaren Messgeräten zum globalen Durchbruch verholfen, hat die soziale Bewegung «The Quantified Self (QS)», das in Zahlen ausgedrückte Ich. QS ist heute ein weltumspannendes Netzwerk aus Anwendern, App-Entwicklern, Hardware-Anbietern, Grosskonzernen und Heimprogrammierern. Ihre Anhänger nutzen die modernen digitalen Technologien zur Selbstvermessung. Mit Smartphone-Apps, Tragbändern am Handgelenk oder aufklebbaren Sensoren sammeln sie Daten über sich und ihren Körper. Sie nutzen die Wearables, um den Alltag zu strukturieren, gezielt Sport zu treiben, sich besser zu ernähren, kurz: um gesünder zu leben.

Bonus-Malus-System 2.0
Bislang helfen Wearables Millionen von Anwendern, ihren persönlichen Gesundheitszustand zu erfassen und ihn mit anderen Nutzern zu vergleichen. Diese Unmenge an gespeicherten gesundheitsbezogenen Daten ist Gesundheitsdienstleistern wie den Krankenversicherungen nicht verborgen geblieben. Sie werden sich diese Datenquellen erschliessen, um damit neue Versicherungsmodelle zu lancieren. Wohin der Weg führen könnte, hat der eidgenössische Datenschützer Hanspeter Thür kürzlich erläutert: Im vergangenen Jahr verteilte der Ölkonzern BP Fitnessarmbänder an 14’000 Mitarbeiter. Mitarbeiter, die ihre Bewegungen aufzeichnen liessen und sich während eines Jahres ausreichend bewegten (1 Million Gehschritte), wurden mit einer tieferen Versicherungsprämie belohnt. Die Datenspezialistin und Beststeller-Autorin Yvonne Hofstetter warnt vor den unliebsamen Folgen: «Bisher beruht das System der Versicherung auf dem Solidaritätsprinzip. Viele zahlen ein, wenige nehmen die Zahlungen in Anspruch (...) Mit den neuen Telematiktarifen kann sich das schnell ändern, sie drohen, das Solidaritätsprinzip auszuhebeln.»

Mangelnder Datenschutz
Gesundheits-Apps und Wearables tangieren nicht nur den Solidaritätsgedanken der sozialen Krankenversicherung, sie sind auch dem Datenschützer ein Dorn im Auge. Bei einem Grossteil der Produkte ist der Datenschutz nach wie vor nicht gewährleistet. Die Anwender werden im Unklaren gelassen, was mit ihren sensiblen Gesundheitsdaten geschieht: Über die Weiterverwendung der Daten können sie nicht selber bestimmen. Die Situation ist paradox: Während Gesundheitspolitiker und Ärzteschaft in der Schweiz gegenwärtig debattieren, welche Informationen in elektronischen Patientendossiers abgespeichert werden dürfen, legen Tausende von Schweizerinnen und Schweizern im Internet und auf dem Smartphone ihre eigenen Datensammlungen an: Big Brother liest mit.

Schwierige Kontrolle
Das Problem ist auch: Offizielle Stellen können die Funktionsweisen von Gesundheits-Apps und Wearables nur schwer überprüfen. Die Grenzen zwischen Fitness-, Sport-, Wellness-, Lifestyle-, Ernährungs-, Diät-Apps zu Wearables mit medizinischen Funktionen sind fliessend, wie das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic bestätigt. Zudem wird der Marktzugang der meisten Gesundheits-Apps in der Schweiz und den EWR-Staaten nicht staatlich, sondern im behördlichen Auftrag von privatrechtlichen Firmen kontrolliert. Fehlerhafte Applikationen lassen sich deshalb erst im Nachhinein und nur aufgrund von Beschwerden aus dem Verkehr ziehen.

Auch wenn immer mehr Menschen gesundheitsbezogene Daten auf ihrem Smartphone mit sich herumtragen, Wearables und Gesundheits-Apps können den Gang zum Arzt nicht ersetzen. Denn: Aus den Daten lassen sich keine Diagnosen und Therapien ableiten. Dafür braucht es nach wie vor die medizinisch geschulten Behandler.

 

 

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